Alexander von Streit
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Dicke Suppe

Medienjournalisten kontrollieren die Medien - aber wer kontrolliert eigentlich die Medienjournalisten, die Blogs?

Von Alexander von Streit

Der Angriff auf die einst so schöne neue Medienwelt startete etwas unvermittelt: "Die Zukunft war gestern - die Netzeitung ist ein Symbol für den Niedergang des Online-Journalismus", giftete die Medienseite der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) am 4. Juli 2004 und beerdigte die virtuelle Tageszeitung aus Berlin nach allen Regeln der Kunst in einem Artikel. Und wenn darin vom auf der Höhe des Internet-Booms gegründeten Projekt einer nur im Netz erscheinenden Tageszeitung "voller Ideale und naiver Hoffnungen" zu lesen war, das auf ein "gewaltiges, leeres Versprechen" zusammengeschrumpft sei, so war das noch der unverbindlichste Vorwurf.

Tatsächlich zeigt der Fall, wie undurchsichtig oft die Motive von Medienjournalisten sind und wie schnell kritische Berichterstattung über die Konkurrenz unter den Generalverdacht gestellt werden kann, nicht mehr als eine verlagsgesteuerte Kampagne zu sein: An einem Sonntag im Sommer vergangenen Jahres erschien die täglich geschriebene Netzeitung-Kolumne "Altpapier" aus Kostengründen erstmals nicht. Eigentlich ist das eine Meldung wert, mehr nicht. Es sei denn, es steckt mehr dahinter.

Kritische Berichterstattung

Der Medienredakteur der FAS wusste vorher von der Rotstift-Aktion bei der Netzeitung und informierte ihre Leser mehrspaltig in einem Aufmacher der Medienseite über die Erkenntnisse. Er schrieb über die Zustände in Berlin, berichtete in diesem Zusammenhang über einen großflächigen Sparkurs und qualitativen Niedergang der Netzeitung - und zitierte ehemalige wie betroffene Mitarbeiter der virtuellen Zeitung, die von "systematischer Überforderung" in einem "Klima der Angst" erzählten, jedoch namentlich nicht genannt wurden. Ein Frontalangriff - und warum auch nicht? Kritische und unabhängige Berichterstattung über die Branche sollte ja schließlich zum Pflichtprogramm von Medienseiten zählen.

Genau diese Unsicherheit, diesen generellen Zweifel an der Unabhängigkeit von Medienberichterstattung, nutzte die Netzeitung für ihre Reaktion und schlug in wohl bekannter Manier der Medienschlammschlachten zurück: Noch am selben Tag, nur wenige Stunden später, deutete Chefredakteur Michael Maier "In eigener Sache" an, dass in Frankfurt die nötige Unabhängigkeit wohl nicht vorhanden sei, erwähnte die kritische Berichterstattung der Netzeitung über den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in der Vergangenheit und schrieb süffisant von "persönlichen Rachefeldzügen". Medienseiten als ein verlängerter Arm der Verlagsinteressen - der Vorwurf kommt schnell, wenn einer dem anderen ans Bein pinkelt. Und er wirkt.

Nebulöse und unbelegte Vorwürfe

Auf der Strecke bleiben die Leser. Wer sich bei der Lektüre einer Zeitung, eines Wochenblattes oder eines Nachrichtenmagazins von Medienjournalisten ein wenig Orientierung im Dschungel der Informationsgesellschaft erwartet, hat in Fällen wie diesem verloren. Zu nebulös und unbelegt sind oft die Vorwürfe, zu verführerisch naheliegend die reflexartig von der Gegenseite angedeuteten vermeintlichen Gründe dafür. Und wer kann schon die dicke Suppe aus Eigeninteressen, persönlichen Kontakten, bewusst gestreuter Information und journalistischer Aufklärungspflicht der Medienjournalisten in voller Rezeptur erfassen? Das ist zwar ein Problem, das sich durch den gesamten Journalismus zieht. Aber die Medienlandschaft wird immerhin von Medienjournalisten beobachtet. Nur: Wer kontrolliert eigentlich die Medienjournalisten?

Es gibt sie: Medienmagazine, die sich beinahe mit nichts anderem auseinander setzen, als dem Treiben des eigenen Berufsstandes. Hier findet sie statt, die Selbstbeschau des Berufsstandes, die Analyse der Machenschaften von Kollegen, die Diskussionen über berufsethische Grenzgänge, die große und kleine Sicht auf Journalismus, Medien und Gesellschaft. Magazine von Journalisten für Journalisten eben, und vermeintlich unabhängig von verlegerischen Eigeninteressen. In Zeiten, in denen die Medienberichterstattung in der Presse nach und nach zurückgefahren oder in banale Programm-Vorschau zurückverwandelt wird, ist so etwas wichtiger denn je. Reicht ja, könnte man denken.

Aber es reicht natürlich nicht, denn auch der Markt der Medienmagazine ist ein kleiner, teilweise wirtschaftlich ineinander verwobener Fachkosmos. Auch hier geht es um Geld - und natürlich um den aus Lesern, Werbekunden und anderen Geldgebern gebackenen Kuchen, der verteilt werden will.

Es geht um Anliegen von Berufsverbänden, Gewerkschaften oder Wissenschaftlern, die Journalismus und Medien je nach Interesse aus verschiedenen Blickwinkeln beobachten. Und es geht um Befindlichkeiten von Blattmachern, die sich von der Konkurrenz kopiert sehen, innig verbunden im fortdauernden Rechtsstreit oder auf ewig getrennt durch eisiges Schweigen und Nichtbeachtung des anderen. Natürlich hat das alles nicht automatisch Auswirkungen darauf, wie in den jeweiligen Medienmagazinen kritische Themen aufgegriffen werden, oder diese - viel interessanter - vielleicht wieder in der Schublade verschwinden. Aber auch hier ist es wichtig, die Interessenslagen und wirtschaftlichen Hintergründe der Magazine und ihrer Mitarbeiter im Auge zu behalten, wenn sie sich daran machen, die Branche zu sezieren.

Nur, wer liest das eigentlich? Die üblichen Verdächtigen, wie immer: Interessierte Journalisten, Entscheider in Verlagshäusern, Medienressorts, Wissenschaftler. Denn obwohl die meisten Medienmagazine zumindest an ausgewählten Kiosken in den Regalen liegen, heißt das noch lange nicht, dass auch Branchenfremde die spezifischen Betrachtungen über Medien und Journalismus kaufen, nur weil sie gerne etwas mehr Durchblick im Mediendschungel hätten. Dafür sind die Titel allesamt zu sehr auf die Interessen der Fachleser zugeschnitten. Und auch wenn sich die Medienbeobachtung daran macht, Medien und Journalismus im größeren Stil einzuordnen, bleiben schnell wieder alle unter sich.

Gehaue auf Stammtisch-Niveau

Vielleicht hilft ja das Internet. Seit es kaum mehr als einen Online-Zugang und einen Computer braucht, um vom Konsumenten zum Publizisten zu werden, verschwimmen die Berührungsängste zunehmend. Plötzlich kann jeder über Medien schreiben und es finden sich in der Regel sogar Menschen, die das auch lesen. Zwar wurde schon lange vor dem Internet-Boom in den Diskussionsforen von Mailboxen und später in den heute noch im virtuellen Schatten der Webwelt existierenden Usenet-Newsgroups über Medien diskutiert. Doch meist als Gehaue auf Stammtisch-Niveau, das letztlich nur allzu oft in ideologische Schlammschlachten mündete.

Inzwischen aber bringen vor allem die so genannten Weblogs - privat geführte, virtuelle Tagebücher im Netz -, in denen sich einige Betreiber ausschließlich mit Medienthemen beschäftigen, Bewegung in die Branche. Einer der Klassiker: das "Altpapier" der Netzeitung, das ursprünglich täglich das Treiben der Medienseiten der deutschen Presse mit einer Portion Häme kommentierte und per Hyperlink für die Leser zugänglich machte. Hier war sie plötzlich, die permanente Beobachtung der Medienjournalisten durch Medienjournalisten - und die wahrscheinlich doch nur überwiegend von Journalisten gelesen wird. Eine Klatschspalte, würde man im Yellow-Press-Bereich dazu sagen, aber immerhin mit dem wissenden Blick auf die Zusammenhänge, Motivationen und Entwicklungen mancher Themen der Medienseiten, denen sich in dieser Regelmäßigkeit vorher niemand widmete. Außerdem liegen die so publizierten Medienbeobachtungen theoretisch nur noch ein paar Mausklicks von jeder beliebigen Seite im Internet entfernt.

Blogs: Spielwiese oder "neue Stasi"?

Und doch sind Medienblogs im Moment meist noch nicht mehr als eine mediale Spielwiese. Vor allem Journalisten lassen hier unter falschem oder echten Namen ihren Frust über die eigene Branche ab oder beobachten in so genannten Watchblogs einfach kontinuierlich das Treiben einzelner Publikationen. So etwa das mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Bildblog, in dem ein paar deutsche Medienjournalisten die laufende Berichterstattung der auflagenstarken Boulevardzeitung Bild kommentieren. Doch das ist erst der Anfang, wie der Blick in andere Länder zeigt: Im angelsächsischen Raum etwa gehört das private Weblog mittlerweile beinahe zum guten Ton für Journalisten. Umgekehrt bilden Journalisten und Weblogs dort manchmal seltsame Symbiosen - nicht immer zur Freude der Medienschaffenden: In den USA gibt es bereits erste Watchblogs, deren Autoren sich ausschließlich mit der Arbeit einzelner Journalisten beschäftigen. Bloggende Zeitungsleser also, die dann die publizistische Arbeit der Journalisten beobachten und einzelne Artikel und ihre Quellen im Weblog kritisch kommentieren. Und die zunehmende Watchblogisierung hatte durchaus Folgen: Jüngst musste der CNN-Nachrichtenchef Eason Jordan von seinem Posten zurücktreten, nachdem eine angebliche Äußerung von ihm erst durch Weblogs gegeistert und schließlich von den Medien aufgegriffen worden war. Jordan soll auf einem Kongress den US-Streitkräften vorgeworfen haben, gezielt Journalisten getötet zu haben. Schon schimpfen erste Medienschaffende über die "neue Stasi" aus dem Netz, wie es in der Washington Post zu lesen war.

Tatsächlich steht journalistische Sorgfaltspflicht nicht automatisch auf dem Programm der meist sehr auf subjektive Sichtweise ausgerichteten Weblogs. Und oft sind es natürlich nicht einmal Journalisten, die dort schreiben. Längst hat die Medienwelt mit der Diskussion darüber begonnen, ob Weblogs Journalismus seien oder nicht - Ergebnis offen. Und so wird es nicht automatisch leichter für die Leser, die etwas Orientierung in der Mediengesellschaft suchen. Wer im Netz geschrieben hat, lässt sich in der Regel noch nachvollziehen. Warum aber die jeweiligen Betrachtungen, Indiskretionen oder Analysen veröffentlicht werden, und ob sie überhaupt wahr sind - das einzuschätzen kann in der Unverbindlichkeit vieler Weblogs unter Umständen sogar noch viel schwerer sein als bei der Medienseite einer Tageszeitung.

Der vorliegende Text ist die gekürzte und aktualisierte Fassung eines Buchbeitrags des Autors im gerade erschienenen Sammelband "Michael Beuthner, Stephan A. Weichert (Hrsg.): Die Selbstbeobachtungsfalle - Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus", VS Verlag für Sozialwissenschaften, 39,90 Euro, ISBN: 3531142151

Erschienen in: Frankfurter Rundschau vom 14.07.2005

Die Rechte an diesem Text liegen bei Alexander von Streit. Jegliche Verwendung durch dritte ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch den Autor gestattet.

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2007